Terror und die Klaviatur der Gefühle

Ein Mensch macht sich auf den Weg, andere Menschen zu töten. Mit welchem Motiv auch immer. In Berlin, in Aleppo, in Istanbul, überall. Vernichtung hält Einzug, Schmerz greift um sich. Angst überschreibt Alltäglichkeit. Die Lichter leuchten schwächer, wir atmen nicht mehr gleichmäßig.
Und dann: Schreiben? Während wir vor lauter Blut die eigene Hand kaum noch sehen? Ja. Genau dann. Denn ja, man kann Gesetze gegen Terror setzen, man kann es mit Sicherheit und Druck und Geld versuchen. Aber was am Ende gegen das Töten hilft, das ist das Leben. Das Leben in seiner Schönheit, in seiner Schlichtheit. Das Leben aber immer auch in seiner unglaublichen Vielfältigkeit. Ein Leben, das Ambivalenzen lachend aushält, ein Leben, dass leichtfüßig von dem Einen zu seinem Gegensatz tanzen kann, ein Leben, dass sich selbst besonders nah ist, gerade dann, wenn es beim Anderen ist, ein solches Leben will nicht vernichten. Weil es stark genug ist, den Reichtum des Unterschiedlichen zu tragen. Die eigene Schwäche zu würdigen wie die Schwäche der Anderen, die Ohnmacht lächelnd anzunehmen, ohne deshalb aufzugeben.

Worte, Gefühle und Mut
Der Mut, zu Fühlen

Antoine Leiris beschreibt in seinem Buch: Meinen Hass bekommt ihr nicht, das den Tod seiner Frau im Bataclan am 13 November 2015 zum Thema hat, den Hass als eine halb offene Tür, die einen einlädt, vor sich selbst und seinen Gefühlen zu flüchten. „Man denkt an den Schuldigen, um nicht mehr an sich selbst denken zu müssen, man verabscheut ihn, um nicht sein eigenes Leben zu hassen….“
Der Hass kann da sein, er ist Teil des Lebens wie alles andere auch, was sich bewegt und uns bewegt. Aber auf Dauer ist er ein etwas grobschlächtiges Gefühl. Eins, das in seiner grellen Präsens soviel anderes verdrängt.

Aufgabe von uns Schriftstellern ist es, die ganz große Klaviatur der Gefühle unseren Lesern (und zuallererst uns selbst) anzubieten. Den Hass ebenso wie das Unbehagen. Die Panik genauso wie die Verunsicherung. Die Wut nicht weniger als die Verägerung. Die Empörung, die Nachsicht, die Verletztheit, die Traurigkeit. Das Wunder des menschlichen Lebens ist es, das vieles zugleich sein kann. Der blinde Zorn auf diejenigen, die uns wehtun muss nicht die Freude über die erste rote Blüte im Frühling übertönen. Meine eigene Verletztheit muss mich nicht blind machen für den Schmerz in dir. Es schmälert meine Trauer nicht, wenn ich den Apfelkuchen genieße, den ein Kollege buk. Ich darf leiden und mich zugleich an Gemeinsamkeit erfreuen.
Terroristen baden in Blut, Schriftsteller baden in Gefühlen. Ein Mensch, der dicht bei sich selbst und seinen vielfältigen, ambivalenten Emotionen lebt, der ist auch dicht bei seinem Gegenüber, der kann bei aller Wut, bei aller Trauer die Milde aufbringen, den Anderen tatsächlich zu sehen. Und wer den Anderen sieht, der tötet ihn nicht.


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VeröffentlichtDezember 21, 2016 von conny in Kategorie "Blog

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