Das Meer in uns – Teil 1 der Sommerserie: Wasser und Worte

Aus gegebenem Anlass beginnt mit diesem kleinen Blogbeitrag heute eine Spätsommerserie, die sich damit auseinandersetzt, welche Auswirkungen das Wasser auf das Schreiben hat. Hoffentlich machen viele Menschen mit! Ihr seid alle herzlich eingeladen!

Kaum bin ich am Meer, will ich schreiben. Und schwimmen. Und trudle völlig verwirrt zwischen dem Bedürfnis nach den Wellen und dem nach meinem Stift und der Sehnsucht danach, immer tiefer in den warmen Sand zu sinken, hin und her. Dabei ist das wahrscheinlich alles dasselbe, das Schreiben und das Schwimmen, das Fühlen in Worten und das Denken im Wasser. Irgendetwas ist da, was Wasser und Schreiben miteinander verbindet, was Leute wie Hemingway, Fontane, Rilke, Shapton, Düffel, Beach Boys, Marquez und Tausend weitere dazu bringt, sich die Finger wund zu schreiben am Wasser.

Warum lieben Schriftsteller das Meer? Ich denke, weil es entgrenzend ist. Ausufernd und zeitlos. Weil es glitzernde Oberflächen präsentiert, unter dem kalte Abgründe im ewigen Dunkel liegen. Weil das Meer den Mond mit der Erde, Kontinente mit Kontinenten verbindet.

Sonnenuntergang am Atlantik in der Bretagne, im Vordergund Felsen
geschliffene Gedanken im Halbdunkel

Gier und prickelnde Angstlust und Erkenntniswille und die herrlich selbsttranszendierende Freude daran, von etwas Größeren, Stärkeren eingenommen zu werden.

Das Meer gibt uns zu essen, schon immer. Das Meer birgt Geheimnisse und Schätze, gesunkene Schiffe, fliegende Fische, Perlen und Korallen und Salz und ferne Länder und das wollen wir haben. Und es belebt uns die Furcht vor den großen Raubfischen, vor den Seeungeheuern, der erfundenen und den realen genauso wie der Respekt vor großen Wellen, die Hochachtung vor der gleichmäßigen Urgewalt der Ozeane. Und worüber sonst sollte man schließlich schreiben, wenn nicht über das, was einen ins einer Größe verstummen lässt? Über die Brutalitäten, die uns vom Boden reißen und in schillernden Strudeln durchdringen, schmerzhaft und lustvoll und schmerzlustvoll? Worüber sollen wir schreiben, wenn nicht über Farbenreiches Glitzern, trägen Müßiggang – und die darunter verborgenen Tiefen, in denen Blutrausch und Panik und Todeskampf herrschen?

Im blauen Abendlicht die Ostsee, mit der Binzer Seebrücke und Felsen im Hintergrund
Blaue Grenzen – zwischen Land und Meer, Tag und Nacht.

Worüber sollen wir schreiben, wenn nicht über die Hingabe, das Loslassen, das sie Einlassen auf dieses eine wesentliche Thema, in dem wir schwimmen, in dem wir treiben, in dem wir sinken, ertrinken, auf dem wir gleiten, ob wir wollen oder nicht.

Das gleichmäßige Rauschen der Wellen schleift unsere Gedanken so wie die Steine, die wir am Ufer finden: Die Kanten gerundet, die Oberflächen blank. Der träge Rhythmus des brandenden Wassers lässt unsere Gedanken langsam werden. Und plötzlich entstehen zwischen ihnen Freiräume, in denen wir Zeit haben, die einzelnen Sandkörner wahrzunehmen und die flatternden Halme auf den Dünen.

Was verbindet für euch das Meer mit dem Schreiben, das Wasser mit den Worten, das Schwimmen mit dem Schreiben?