Wasser und Worte, Teil 2

Den zweite Teil der Sommerserie über die Verbindung des Wassers mit den Worten hat meine Schreibhain-Kollegin Tanja Steinlechner verfasst. Herzlichen Dank dafür!

Was haben Wasser und das Schreiben gemeinsam? In Beidem wollen wir abtauchen, in beidem ruhen. Wir sehen uns am Strand sitzen und auf die Wellen schauen, wie wir aufs Schreiben blicken. An manchen Tagen ist die See glatt, kein Wind weht und keine Dunkelheit trübt die Sicht. Wir erkennen die bunten Fischschwärme unter uns und können noch im Seichten stehen. Doch befriedigend ist das nicht. Niemand lacht den ganzen Tag und ohne Herausforderungen wären 80 oder mehr Jahre verschenktes Leben. Wir wären nicht hier, wollten wir bloß im Seichten verweilen. Also gehen wir einen Schritt, wagen uns hinaus ins offene Gewässer. Nach und nach verlieren unsere Füße den Halt. Wir müssen schwimmen, um den Abgrund unter uns zu durchqueren.

Ein Teich mit einem leuchtend rosafarbenen Busch an der linken Seite
Meerjungfrauenteich, Marzahn

Die Temperatur sinkt. Wir fragen uns schon, was das ganze Unterfangen soll und überlegen umzukehren, denn ganz ungefährlich ist es nicht – das Wetter könnte drehen, die Sonne sich hinter den Wolkenbergen verstecken – da bemerken wir es. Unser Sichtfeld öffnet sich. Wir erkennen, noch hinter Schleiern der Entfernung verborgen, die Umrisse einer Insel, die wir nie zuvor gesehen haben. Die Töne kehren einzeln zu uns zurück – und zwar in Form von Vogellauten, die über uns hinwegziehen. Dieses uns und dieses Wir weicht zurück und übrig bleibt ein Ich.

Ich allein durchschwimme diesen See. Das Pochen meines wilden Herzschlags vernehme ich, das Rauschen der Blätter in den Bäumen, ein Wind- und Wasserlied, das sich zu einem Orchester formiert und obgleich ich diesen Eindrücken erliege und in ihnen bade, ist mit einem Mal eine leise Stimme neben mir. Willst Du das wirklich? Was wenn es nicht gelingt? Wenn die Wasserwesen, Dich in die Tiefe ziehen. Wenn sie die Oberhand gewinnen?

Ich kenne diesen Ort. Ich erinnere mich. An die Schlingpflanzen, die meine nackten Beine umgarnten, an die ferne Welt der Geräuschlosigkeit, ans Abtauchen und Gleiten. Kleine Streiflichter, Spiegelungen der Sonne im Nimmerland der Erwartungen. Gleich neben der weiblichen Stimme, taucht eine andere auf. Sie spuckt und gluckst Wasserperlen. Ein altes und daher erstaunlich tiefes Kinderlachen zeugt mehr und mehr von diesen Kostbarkeiten. Eine Fontäne – von einem Wal, in Auftrag gegeben, der hier niemals beheimatet sein wird – klettert in die Lüfte.

Ich muss mir das in Gedächtnis rufen: Ich bin in Brandenburg, an einem dieser Sommerseen. Warum habe ich nur den Namen vergessen? Weil er keine Rolle spielt? Weil die Insel am Horizont jetzt wirkmächtiger wird.

Nicht ortbar vom Ufer aus.

Das Meer in uns – Teil 1 der Sommerserie: Wasser und Worte

Aus gegebenem Anlass beginnt mit diesem kleinen Blogbeitrag heute eine Spätsommerserie, die sich damit auseinandersetzt, welche Auswirkungen das Wasser auf das Schreiben hat. Hoffentlich machen viele Menschen mit! Ihr seid alle herzlich eingeladen!

Kaum bin ich am Meer, will ich schreiben. Und schwimmen. Und trudle völlig verwirrt zwischen dem Bedürfnis nach den Wellen und dem nach meinem Stift und der Sehnsucht danach, immer tiefer in den warmen Sand zu sinken, hin und her. Dabei ist das wahrscheinlich alles dasselbe, das Schreiben und das Schwimmen, das Fühlen in Worten und das Denken im Wasser. Irgendetwas ist da, was Wasser und Schreiben miteinander verbindet, was Leute wie Hemingway, Fontane, Rilke, Shapton, Düffel, Beach Boys, Marquez und Tausend weitere dazu bringt, sich die Finger wund zu schreiben am Wasser.

Warum lieben Schriftsteller das Meer? Ich denke, weil es entgrenzend ist. Ausufernd und zeitlos. Weil es glitzernde Oberflächen präsentiert, unter dem kalte Abgründe im ewigen Dunkel liegen. Weil das Meer den Mond mit der Erde, Kontinente mit Kontinenten verbindet.

Sonnenuntergang am Atlantik in der Bretagne, im Vordergund Felsen
geschliffene Gedanken im Halbdunkel

Gier und prickelnde Angstlust und Erkenntniswille und die herrlich selbsttranszendierende Freude daran, von etwas Größeren, Stärkeren eingenommen zu werden.

Das Meer gibt uns zu essen, schon immer. Das Meer birgt Geheimnisse und Schätze, gesunkene Schiffe, fliegende Fische, Perlen und Korallen und Salz und ferne Länder und das wollen wir haben. Und es belebt uns die Furcht vor den großen Raubfischen, vor den Seeungeheuern, der erfundenen und den realen genauso wie der Respekt vor großen Wellen, die Hochachtung vor der gleichmäßigen Urgewalt der Ozeane. Und worüber sonst sollte man schließlich schreiben, wenn nicht über das, was einen ins einer Größe verstummen lässt? Über die Brutalitäten, die uns vom Boden reißen und in schillernden Strudeln durchdringen, schmerzhaft und lustvoll und schmerzlustvoll? Worüber sollen wir schreiben, wenn nicht über Farbenreiches Glitzern, trägen Müßiggang – und die darunter verborgenen Tiefen, in denen Blutrausch und Panik und Todeskampf herrschen?

Im blauen Abendlicht die Ostsee, mit der Binzer Seebrücke und Felsen im Hintergrund
Blaue Grenzen – zwischen Land und Meer, Tag und Nacht.

Worüber sollen wir schreiben, wenn nicht über die Hingabe, das Loslassen, das sie Einlassen auf dieses eine wesentliche Thema, in dem wir schwimmen, in dem wir treiben, in dem wir sinken, ertrinken, auf dem wir gleiten, ob wir wollen oder nicht.

Das gleichmäßige Rauschen der Wellen schleift unsere Gedanken so wie die Steine, die wir am Ufer finden: Die Kanten gerundet, die Oberflächen blank. Der träge Rhythmus des brandenden Wassers lässt unsere Gedanken langsam werden. Und plötzlich entstehen zwischen ihnen Freiräume, in denen wir Zeit haben, die einzelnen Sandkörner wahrzunehmen und die flatternden Halme auf den Dünen.

Was verbindet für euch das Meer mit dem Schreiben, das Wasser mit den Worten, das Schwimmen mit dem Schreiben?

Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne

Seit gut einem Duzend von Jahren fällt mir in regelmäßigen Abständen mit leichten Bauchschmerzen ein, dass ich dringend mal einen Blog schreiben sollte. Nicht nur eine WordPress-Seite einrichten und das Passwort vergessen, sondern: Schreiben. Weil Schreiben nun mal das ist, was Schriftstellerinnen so machen. (Wobei die Gattung von Schriftsteller_innen, zu der ich gehöre, eher über das Schreiben spricht oder grübelt als es zu tun, aber das wäre ein anderes Kapitel, beziehungsweise ein anderer Beitrag! So, wie ich zuweilen auch über das Leben mehr spreche oder grüble, statt es – aber auch das wäre schon wieder ein anderer Beitrag).

blog schreiben im Café im Sonnenschein
Schreiben im Café

Warum nur habe ich trotzdem niemals nicht auch nur den winzigsten Blog geschrieben in den letzten dutzend Jahren? Mir fallen so um die 123 mögliche Gründe hierfür ein. Zum Beispiel: 1:Weil ich zu träge bin…trallala…oder 2: weil ich zu oft damit beschäftigt war, Bücher zu schreiben. Und ich doch außerdem – 1. Oder, weil ich zu viel Zeit mit dem Lehren des Schreibens verbringe – nämlich hier: Schreibhain – zusätzlich zu 2. und 1. Außerdem – 4: habe ich vielleicht Angst, ein Blog könnte endlich ans Tageslicht bringen, a) wie schlecht ich wirklich schreibe b) wie wenig ich zu sagen habe c) wie unsympathisch ich bin, d) wie irre ich bin e) und so weiter. Vielleicht hatte ich auch 5. Angst, jemand könnte mein Geschreibsel tatsächlich lesen. Oder 6: niemand könnte es lesen. Oder mir war 7. instinktiv klar, dass es mir schwer fallen würde, mich angemessen kurz zu halten. Oder ich wollte 8. nicht riskieren, dass bei der Olympiade jemand anderes die Goldmedaille in Prokrastination holt.

Egal. Jetzt wird das alles anders. Ab jetzt schreibe ich. Über das Schreiben natürlich. Und lese. Was ihr so schreibt.

Was lässt euch denn zaudern? Beim Schreiben und generell?