Über Schmerzen schreiben

Ich halten hohe Stücke auf das Schreiben (wie euch vielleicht bereits aufgefallen ist). Allein schon, weil Schreiben so vieles sein kann. Kunst natürlich. Kommunikation. Politik. Therapie. Aus aktuellem Anlass: Schmerztherapie.

Visualisierung: Ich stelle mir meinen Schmerz leuchtend rot vor. In seinem Zentrum, in meinem linken Ohr, so hell, dass er fast weiß wirkt. Mein Schmerz ist eine harte Schicht glühender Erde, unter der die Hälfte meines Gesichtes erstarrt.
Affirmation: Ich wünsche mir Regentropfen. Nicht kalt. Aber lau. Und blau. Von einem satten, schweren Blau, wie es kurz nach Sonnenuntergang einen Sommerhimmel ausfüllt. Ich stelle mir feuchte, blaue, lauwarme Regentropfen vor, die auf meinen glühend heißen Schmerz fallen, bis er weich wird und nachgiebig.
Achtsamkeit: Ich verhärte mich. Ich will den Schmerz nicht mehr Land in meinem Körper gewinnen lassen. Deshalb spanne ich meine Muskeln und halte den Atem an. Ich ziehe die Schultern hoch und balle Fäuste. Ich kneife die Augen zusammen. Was der Schmerz mir nicht zufügt, füge ich mir so selbst zu. Besser: Den Widerstand aufgeben. Weich und durchlässig zu werden. Gefühle und auch Schmerzen sind Bewegung. Sie ziehen weiter, wenn man sie lässt. Wenn man nicht zumacht, sich versteift. Ich versuche, durchlässig zu sein wie dichter Schilf, durch den das Wasser fließt und der Wind weht. Mal heiß, mal kalt, man schnell, mal gemächlich. Wenn ich weich und biegsam bin, kann ich nicht brechen. Es fällt mir schwer, mich dem Schmerz zu öffnen, weil ich Angst habe. Vor seiner Wucht. Vor seiner vernichtenden Kraft. Vor was genau? Das ist die Spur, der ich schreibend folgen werde: Wann habe ich gelernt, mich hart zu machen gegen Schmerz, seelisch und körperlich?
Schutz: Wovor schützt mich ausgerechnet dieser Schmerz? Was will ich nicht hören im Augenblick? Wovor will ich meine Gehörgänge schützen? Welchem Gespräch, welcher Information, welchem Vorwurf vielleicht will ich ausweichen?

Wie lange halten meine Schmerzen an? In welcher Intensität? Wie oft? Wer reagiert wie auf sie?

So schnell erliegen meine Schmerzen nicht dem Storm meiner Worte. Das dauert. Geduld. Lernfelder.

Ein helles Leuchten zwischen Krähnen
was verglüht