Oder Pokémons jagen

Die Welt ist paradox: Einerseits wünscht sie sich Kultur, Kunst, Literatur. Andererseits tut sie alles, um die Schriftsteller vom Schreiben abzuhalten. Da wäre beispielsweise die banale Tatsache, dass es sich vom Schreiben schlecht leben lässt, solange so wenige Vitamine in den Buchstaben sind.

Und dann sind da diese Mitmenschen, die sich weigern, die simpelsten Tatsachen – beispielsweise, dass man nicht gleichzeitig schreiben und Wäsche aufhängen kann – zu Kenntnis zu nehmen. Oder die glauben, wir könnten uns auf Gespräche mit ihnen konzentrieren, wenn zeitgleich in unserem Kopf ein halbes Dutzend Figuren durcheinander schnattert.

Da ist die Pflicht, diverse elektronische Nachrichten prompt zu beantworten – auf eine Email nicht binnen 24 Stunden zu reagieren, soll ja wohl derzeit mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

Und dann installiert die Industrie diese nervtötenden Film-und Serienportale auf unseren Rechnern, die eine Folge nach der anderen abspielen, statt uns in Ruhe schreiben zu lassen. Vor lauter explodieren Hubschraubern und verliebten Vampiren weiß man irgendwann gar nicht mehr, wo die eigenen Fantasie anfängt und Hollywood aufhört.

Ganz zu schweigen von den Drogen. Du sitzt in einem Café und versuchst zu schreiben, weil du gelesen hast, man solle in Cafés schreiben, hat Thomas Bernhard auch gemacht und Henry Miller sowieso und Natalie Goldberg hat gleich ein ganzes Buch darüber geschrieben – aber keiner hat dir gesagt, dass sie dir in Cafés dauernd einen Apérol Spritz neben dein Netbook stellen, immer genau dann, wenn du gerade fast drin warst in der Geschichte. Und klar – so ein Apérol Spritz sieht gesund ausfast wie Fruchtsaft, wirkt sich aber ganz anders auf das morgendliche Wohlbefinden aus.
Hinterlistige Möbelhäuser bauen diese Betten, die ihre Schläfer umklammern, so dass man sie nicht verlassen kann, bevor die Sonne senkrecht am Himmel steht…

Ein anderes Kapitel sind diese sich explosionsartig fortpflanzenden Handy-Spiele, derer wir uns ständig annehmen müssen. Besonders dreist finde ich ja, dass die Zivilbevölkerung inzwischen genötigt wird, sich um all diese entlaufenen Pokémons zu kümmern. Ja, auch Schriftsteller werden für diese Einsätze eingezogen!

Ein unordentlicher Schreibtisch voller Bücher, Notizblöcken und einem Netbook, mit Blick aufs Ufer. Der Stuhl aus Leder ist leer, die Autorin abwesend.
Die abwesende Autorin

Schlagwörter: , ,

VeröffentlichtAugust 19, 2016 von conny in Kategorie "Blog

Kommentar verfassen